• Später Arbeiten beim Ajuca und die Macht der Definition

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    August 25th, 2010VerstylerAb 18, Ausstellung, Kunst, Politik

    Später Arbeiten beim Ajuca 2010

    Das Gelände kannte die „Später Arbeiten“-Ausstellung ja bereits. Das alternative Jgendcamp Ajuca findet seit sieben Jahren auf dem ehemaligen Flughafengelände des Kulturkosmos in Lärz statt. Dort ist auch alljährlich das Fusion-Festival zu finden, auf welchem die Ausstellung im Juni bereits zu sehen war. Vom 18. bis 21. August bekamen die Fotos also wieder einen schicken Platz. Das Camp ist selbstorganisiert, also ein Mitmach-Camp und kostet gerade mal 5 € pro Tag – nicht Eintritt, sondern für Getränke und Essen. Drei Mahlzeiten täglich werden von verschiedenen VoKüs zubereitet und die CampteilnehmerInnen sind angehalten, beim Gemüse schneiden zu helfen. Da verschiedene Menschen verschiedene Essgewohnheiten haben, kocht das Küchenteam generell vegan. Auch sonst gilt es in allen Bereichen: Wo Hilfe benötigt wird, finden sich Leute, die gerne mithelfen und das Camp so zu einem schönen Erlebnis für alle Beteiligten machen. Für verschiedene Aufgabenbereiche, wie zum Beispiel die täglich erscheinende Campzeitung werden Arbeitsgruppen gebildet und die großen Entscheidungen werden jeden Morgen beim großen Plenum gemeinsam nach dem Konsens-Prinzip besprochen und entschieden. Nazis, SexistInnen und aggressive Leute sind natürlich nicht willkommen.

    Tagsüber finden verschiedene Workshops und Diskussionen zur politischen Bildung für die Jugendlichen statt. Beispiele wären „Was ist Kapitalismus?“, Streetartworkshop, Projektfinanzierung oder auch Argumentationshilfen bei der Unterstellung, man sei eine extremistische oder gar terroristische Gruppe. Abends klang der Tag dann tanzenderweise zu verschiedenen Konzerten und Djs und äußerst preisgünstigen Getränken aus. Insgesamt also ein tolles Camp und ich bin froh, dass es so etwas gibt.

    Die Macht der Definition

    Überraschend war das Konzept der Definitionsmacht. Dieses stand als allgemeine Regel fest und war zudem äußerst überrepräsentiert. Es ist nicht grundsätzlich schlecht und es lohnt sich, über bestimmte Ansätze nachzudenken. Definitionsmacht in feministischen Debatten bedeutet im Grunde, dass eine betroffene Person sexualisierter Gewalt selbst entscheiden kann, welche Handlungen für sie einen sexuellen Übergriff oder eine Grenzüberschreitung darstellen und nicht auf rechtsstaatliche Prinzipien zurückgreifen muss. Diese haben häufig zur Folge, dass erneute Traumatisierungen hervorgerufen werden können oder die Tat nicht beweisbar ist. Grundsätzlich ist das eine Problematik, die ich nicht abstreite. Auch dass die meisten sexuellen Übergriffe von Männern gegenüber Frauen ausgeübt werden und dass dies ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt streite ich nicht ab. Problematisch war die Allgegenwärtigkeit durch Plakate, Texte in der Camp-Zeitung, Seminarangebote zum Thema, die (scheinbare) Männerfeindlichkeit sowie die Möglichkeit, willkürlich unbegründet sanktionieren zu können.

    Wenn ich auf ein Sommercamp fahre, möchte ich Spaß haben, Fremden gegenüber offen und ehrlich begegnen, vielleicht sogar eine Frau kennenlernen, welche mit mir gemeinsam Spaß am Sex hat – sofern es sich denn ergibt. Eine Omnipräsenz von Plakaten der meines Erachtens schlechten „NEIN heißt NEIN“-Kampagne, in denen ich als Mann aufgefordert werde, Stille, „Vielleicht später“ oder auch „…“ als eindeutiges Nein aufzufassen und sollte ich dies nicht respektieren, ein Vergewaltiger sei, veranlasst mich zu einer schlechten Grundstimmung, aus Angst wegen Blicken, Sprüchen oder Ähnlichem als Vergewaltiger abgestempelt zu werden. An anderer Stelle wurden wieder genau zwei Begriffe als einzige nicht gegendert: DIE Betroffene und DER Vergewaltiger, bzw. Täter. Speziell solche Formulierungn wie „Das bedeutet auch, niemensch sonst kann erstens darüber urteilen, was die Betroffene erlebt hat und wie ‘krass’ die Grenzüberschreitung war und zweitens kann nur die Betroffene selbst wissen, was sie braucht, damit sie sich wieder sicherer fühlen kann.“, welche in einem Camp-Zeitungsartikel zu finden war oder „Achso, du als Mann* willst mir also erklären, dass meine Grenze, die gerade überschritten wurde, falsch ist […]. (*meint männlich sozialisiert)“ machen mich schon stutzig. In der Außendarstellung der Awareness-Gruppe wurde beschrieben, dass “auch Blicke, Sprüche und dominantes Redeverhalten Teil sexistischen Verhaltens sind” und weiter unten heißt es „Betroffene erfahren in dieser Gesellschaft viel zu wenig solidarische Unterstützung, stattdessen wird ihnen ihre Wahrnehmungen abgesprochen, sie müssen sich rechtfertigen und „Beweise“ für die erfahrene Gewalt erbringen. Deshalb handeln wir nach dem Prinzip der Definitionsmacht! Das bedeutet, dass die Betroffene definiert was vorgefallen ist. Uns ist es wichtig der Betroffenenperspektive Raum zu geben: Wir verhalten uns parteilich zur Betroffenen und stehen hinter ihren Forderungen. Nach meinem subjektiven Empfinden, also auch nach meiner Definitionsmacht, klingt das männerfeindlich (sexistisch), aggresiv und willkürlich. Vor Allem beinhaltet das, dass ich eben wirklich für Antanzen oder einen Spruch wie „Du hast so schöne Augen“ durch den verwaschenen Begriff der Vergewaltigung oder dem Begriff der Betroffenen sexualisierter Gewalt in Form von sexistischem Verhalten öffentlich stigmatisiert und als Vergewaltiger abgestempelt werden kann.

    Meine Reaktion darauf war ein satirischer Text, welcher die Zirkelschluss-Logik der Definitionsmacht völlig ins Absurde treibt. Dass dieser aus Gründen von Grenzüberschreitungen nicht in der Campzeitung abgedruckt werden konnte, war grundsätzlich in Ordnung. Dass jegliche Publizierung wegen Grenzüberschreitung und dem Vorwurf, es wäre ein sexistischer Text unterbunden wurde führte schließlich zu einer Eskalation zwischen zwei politischen Lagern auf dem Camp. Auf der einen Seite die Definitionsmacht-BefürworterInnen und auf der anderen die KritikerInnen oder gar TäterInnen-SchützerInnen. Ich als Künstler, der seine Textform der Satire verteidigen wollte, war Täter.

    Ich möchte an dieser Stelle nicht noch einmal sämtliche Streitigkeiten aufrollen, welche zur Eskalation führten oder danach noch zu Tage kamen. Immerhin gibt es eine Privatsphäre aller Beteiligten. Die bisherigen Ausführungen waren allerdings eine notwendige Vorgeschichte um den „bösen brisanten“ Text, über den viel diskutiert wurde und den fast niemand gelesen hat, als das verstehen zu können, was er ist: Eine schnell daher geschriebene, unüberarbeitete Satire auf die gefühlte Gesamtsituation und das Begehren, die Jugendlichen nicht mit der Vorstellung, die Definitionsmacht sei die einzig wahre Möglichkeit, antisexistisch und emanzipatorisch handeln zu können, nach Hause gehen zu lassen.

    Eines noch vorweg: Mir ist bewusst, dass der Text grenzüberschreitend und nicht einmal besonders gut geschrieben ist. Durch konstruktive Kritik ist mir nun auch bewusst, dass er sich einer Argumentation bedient, welche auch häufig von Vergewaltigern genutzt wird und somit falsch verstanden werden kann. Trotzdem ist und bleibt es eine nicht ernst gemeinte Satire und ich lasse den Vorwurf, ich sei ein Sexist, welcher laut Definitionsmacht nicht begründet werden und demnach Wahrheit sein muss, nicht stehen. Erst recht nicht, wenn die Vorwürfe von Personen kommen, die Texte nicht lesen müssen um über sie urteilen zu können.

    Zur weiteren Recherche über Definitionsmacht empfehle ich einen sehr ausführlichen Artikel in der Jungle World. Pro-Definitionsmacht-Konzept-Texte und Standpunkte gibt es z. B. beim Antisexismus-Bündnis Berlin oder auf dem Mädchenblog. Eine hübsche Antwort auf die „Nein heißt Nein“-Plakate ist das „Ja heißt Nein“-Plakat. Es ist zwar teilweise ein bisschen plump, „Warum liegt hier eigentlich Stroh?“ finde ich aber zu köstlich.

    An dieser Stelle gibt es nun aber endlich den (jetzt nicht mehr) unveröffentlichten Text:

    Definitions-Macht-Los-Bude

    (schlecht gezeichnete Karikatur mit Frauen an einer Losbude und Männern, die immer Nieten ziehen)

    Können männlich sozialisierte Menschen emotional vergewaltigt werden? Das würde bedeuten, dass „Männer“ Emotionen haben, nicht ausschließlich nach ihrem gesellschaftlich antrainierten Trieb handeln, gar (emanzipatorisch) denken könnten. Wenn der Blick, die freundschaftliche Berührung oder der Flirt (z. B. für Hedonismus, Fortpflanzung oder Liebe geeignet) plötzlich zur Gewalttat diffamiert werden, muss man sich fragen, ob der Hüftschwung, der tiefe Ausschnitt oder der Augenaufschlag nicht zur „Vergewaltigung“ der meist männlich sozialisierten Psyche führt. Unter Umständen ist die freiheitliche Einschränkung nach oder durch Handlungen im sexualisierten Kontext selbst eine zur Gewalt gewordene Handlung, womit die meist männlich sozialisierten Täter_innen selbst zu meist männlich sozialisierten Betroffenen werden.

    Das subjektive Empfinden meist männlich sozialisierter Menschen bezüglich z. B. der Attraktivität meist weiblich sozialisierter Menschen ist dabei derart vielfältig und differenziert, dass dem emanzipatorischen meist männlich sozialisierten Menschen ein Schutzraum geboten werden muss. In diesem muss gewährleistet sein, dass der Primat meist männlich sozialisierte Mensch nicht zu sexualisierten Gedanken oder gar Handlungen genötigt wird und vor meist weiblich sozialisierten Wiederholungstäter_innen geschützt ist, ohne dabei intimste Gedanken und Privatsphäre (z. B. gestörte Sexualität, schlimme Kindheit, Angst vor Dialog etc.) preisgeben zu müssen. Da, wie oben genannt, die Betrachtungsweise jedes einzelnen meist männlich sozialisierten Menschen zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führt, kann somit jeder meist weiblich sozialisierte Mensch durch unbewusste Handlungen triggern, nicht stillbare und quälende Gelüste wecken und obendrein die Angst vor einem Vergewaltiger_innen-Dasein stärken.

    Das Fehlen eines wirksamen Schutzraums würde somit zur unbewussten Vergewaltigung vergewaltigter meist männlich sozialisierter Vergewaltiger_innen führen.

    Besonders deutlich wird dies am tragischen Fall des männlich sozialisierten Axel (Name d. d. Redaktion geänd.), welcher beim Anblick einer weiblich sozialisierten Polizist_in (sein heimlicher Fetisch) triggerte, den Qualen nicht standhielt und nach langen schmachtenden Blicken wegen Vergewaltigung der Staatsgewalt zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Axel ist nur einer von tausenden meist männlich sozialisierten Menschen, welchen kein Schutzraum gegeben wurde. Viele von ihnen leben vereinsamt in kleinen Erdhöhlen, wünschen sich einen nie erreichten Konsens.

    Ob es die Burka zum Schutz des meist männlich sozialisierten Menschen vor dem sexualisierten meist weiblich sozialisierten Menschen, die Fesseln und Knebel am meist männlich sozialisierten Menschen zum Schutz vor sexualisierten Handlungen oder auch leidenschaftlicher Sex ist – die Macht liegt allein in der Definition der Betroffenen.

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5 responses to “Später Arbeiten beim Ajuca und die Macht der Definition” RSS icon

  • such dir einen aus

    dieser text ist nicht lustig und hat meines erachtens überhaupt nichts mit satire zu tun, sondern ist einfach nur verletzend. ja wie du schon selbst schreibst, benutzt du bei deinem text eine argumentationsstruktur die vergewaltiger_innen auch nutzen und was soll daran lustig oder satirisch sein? soll daraus geschlussfolgert werden, dass du vergewaltigung lustig findest?

    natürlich kann kritik an definitionsmacht geäußert werden, aber bitte überdenke deine form.

  • @such dir einen aus:
    “Was soll daran lustig sein?” – Ach… z. B. die weiblich sozialisierte Polizist_in, dass Berührungen auch schön sein können oder das Leugnen des männlichen* Primatentums.

    “Soll daraus geschlussfolgert werden, dass du Vergewaltigungen lustig findest?” – Nein.

    “Aber bitte überdenke deine Form.” – Falls du mit der Form eine Satire meinst – Nö.

    “Such dir einen aus” – Ich hab’ mir eine* ausgesucht. Sorry übrigens, dass mein WordPress-Update Autor_in nicht automatisch gegendert hat. Vielleicht ändere ich es bei Gelegenheit.

    *meint männlich/weiblich sozialisiert

  • dieser text ist satirisch, insofern feminismus positiv eingestellter man(n) nur leidlich gute erfahrungen in femininistischen debatten gemacht hat.

    definitionsmacht ist ein gesunder mechanismus in der patriarchalischen gesellschaft mit missstaenden umzugehen, aber eine ueberrepraesentanz dieser definitionsmacht und agressive haltung gegenueber eines jeden maennlichen kann durchaus als extremistisch empfunden werden.

    in dieser hinsicht ist der obige text als antwort tatsaechlich satirisch zu lesen. er versucht zu relativieren und mit einem grossen augenzwinkern eine gegenposition zu zeichnen, die man nicht in einen realen diskurs integrieren darf!

    dass trotz satire ein leider allzu haeufig gebrauchtes argument von tatsaechlichen taetern rausgelesen werden kann, ist in meiner lesart vom autor weder gewuenscht noch im zulaessig.

    ich musste tatsaechlich mehrfach schmunzeln, habe aber auch verstaendnis mit tatsaechlichen opfern, die leider wahrscheinlich mit einer drastischeren lesart das geschriebene konsumieren.

    vielleicht koennten kaempferische anhaenger der definitionsmacht einfach mal ihnen wohlgesinnte feminismus unterstuetzende maennliche individuen anerkennen und verstehen dass maximal agressive haltungen gegenueber eines jeden maennlichen nicht unbedingt zielfuehrend sind.

  • peinlich peinlich. alles was nicht paßt ist überrepräsentiert.

    achtung satire:
    faß dir in den schritt, da merkste dann wo das problem hängt.

  • @pan: Das freut mich, dass du mich als feministisch positiv eingestellten Menschen (an)erkennst. Was die kämpferischen AnhängerInnen angeht, so sehe ich das Problem nicht nur bei der Definitionsmacht, sondern auch in anderen linken Gruppen oder Bereichen (z. B. Veganismus, Antideutsche, Nahostkonflikt etc.). Mich stört es, wenn politische Feindbilder entstehen, die eigentlich in die selbe Richtung wollen, jedoch verschiedene Ansätze vertreten. Vielleicht tut sich da ja in Zukunft noch was.

    @s: Ich habe den Tipp gerade mal ausprobiert und es war gar nicht mal sooo unangenehm.
    Eine Überrepräsentation tritt auch auf, wenn keine Gegenposition zugelassen wird. Ansonsten ist natürlich was dran, dass Unangenehmes immer überrepräsentiert ist. Wen oder was genau findest du peinlich?


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